Aachener Zeitbanken: Wie kann die Verbreitung gelingen?

Icon__btn_Dokumentation_grossMonika Lang, Öcher Frönnde e. V., beim openTransfer CAMP am 9. Mai 2014 in Köln

Die Öcher Frönnde haben mit ihrem Modell der Zeitbanken eine gut funktionierende Nachbarschaftshilfe geschaffen. Das Projekt wächst stetig, aber eine Verbreitung über die Stadtgrenzen hinweg hat bislang nicht stattgefunden. Monika Lang sprach mit den Teilnehmern der Session über Erfolgsfaktoren und Verbreitungshemmnisse.

 

Ein Film zeigte zu Beginn der Session, wie die Idee der Öcher Frönnde funktioniert: Paul ist der Nachbar von Frau Müller. Die kann nicht mehr so gut laufen und das Einkaufen fällt ihr schwer. Paul ist gerade in Rente gegangen und hat Zeit. Deshalb hilft er Frau Müller. Aber wer hilft ihm, wenn er einmal nicht mehr alles alleine bewältigen kann? Hier setzt der Aachener Verein an, der 2004 gegründet wurde.

Er hat eine moderne Nachbarschaftshilfe geschaffen, bei der die Vereinsmitglieder Hilfe erbringen und empfangen. Gerechnet wird hierbei in Zeit. Jedes Mitglied hat ein Stundenkonto. Die erbrachten freiwilligen Aktivitätsstunden werden auf diesem angespart. So baut sich das Vereinsmitglied eine Zeitrente auf. Bei eigener Hilfsbedürftigkeit kann die angesparte Zeit dann in Anspruch genommen werden. (Es gibt jedoch keine Garantie für das Einlösen der Stundengutschriften.) Die Hilfe umfasst z. B. Botengänge, gemeinsames Spazierengehen, Hilfe im Haushalt und bei Behörden oder Blumen Gießen.

14144958076_b779e40c21_z

Monika Lang berichtet, was an diesem Modell gut funktioniert. Ein wichtiger Aspekt: Das Ansparen auf der Zeitbank bedeutet für die freiwillig Aktiven eine Anerkennung ihres Engagements. Vielen von ihnen ist gar nicht bewusst, wie viele Stunden sie tatsächlich helfen. Das Erfassen der Stunden bedeutet eine Wertschätzung und gleichzeitig erleichtert es den Menschen, selber Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Als Erfolgsfaktoren des solidarischen Nachbarschaftsmodells benennt Monika Lang Dauerhaftigkeit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit des Projekts. Dabei bezeichnet sie das bestehende Büro-Team als Herzstück des Vereins. Das Büro ist sechs Stunden pro Woche besetzt, das Team arbeitet komplett ehrenamtlich. Vom Büro aus werden die Mitglieder vermittelt und betreut, daher kennt das Büro-Team alle Mitglieder. Rundum das Büro gibt es Zuträger für die Bereiche EDV, Öffentlichkeitsarbeit, Versicherungen, Vorstand, Steuer und Vereinszeitung.
Die Struktur des Vereins lebt von einem starken Zugehörigkeitsgefühl aller Beteiligten. Und das schafft Vertrauen. Gefördert wird das Gemeinschaftsgefühl durch 14-tägig stattfindende Vernetzungstreffen. Gleichzeitig werden alle Mitglieder zu Eigenverantwortung angestiftet. Aus selbstständig organisierten Treffen der Mitglieder entstehen eigene neue Nachbarschaften und der Verein ist für die Vernetzung gar nicht mehr nötig.

14188220873_27d83038ae_z

Im zweiten Teil der Session wirft Monika Lang einige Fragen auf, die sich im Verein bezüglich einer weiteren Verbreitung stellen. Das Projekt ist seit seiner Gründung stark angewachsen. Mittlerweile gibt es 160 Mitglieder. Damit stößt der Verein langsam an seine Grenzen, da er davon lebt, dass sich die Beteiligten untereinander kennen und vertrauen. Daher wäre eine Möglichkeit, eine Teilung des Projekts vorzunehmen. Gleichzeitig wundert sich Monika Lang darüber, dass das Projekt zwar wächst, aber keine überregionale Verbreitung findet.

Die Teilnehmer stimmen ihrer Einschätzung zu, dass das Projekt eine Wachstumsgrenze erreicht hat. Eine Teilung – etwa in mehrere regionale Einheiten nach Stadtteilen – wird als unerlässlich angesehen, da das notwendige Vertrauen nur in kleineren Einheiten entstehen kann.

Zur Frage, warum es mit der Verbreitung nicht klappt, werden mehrere Punkte angesprochen. Ein Teilnehmer weist darauf hin, dass ein Transfer nicht ohne Ressourcen gelingen kann. Bei der von Monika Lang aufgezeigten Vereinsstruktur sind aber keine Ressourcen für eine Verbreitung eingeplant, folglich kann diese gar nicht gelingen. Notwendig ist es, den gewünschten Transfer als einen zeitintensiven und beständigen Prozess zu verstehen, der konzeptionell geplant und kontinuierlich durchgeführt werden muss. Dabei kann z. B. eine Beratung helfen.
Daraufhin stellt sich in der Session die Frage, welchen Nutzen ein Transfer angesichts des hohen Ressourcenaufwands mit sich bringt. Als Argument wird hierzu die Steigerung der Reputation des Projektes genannt, was sich auf alle anderen Projektbereiche positiv auswirkt. Insbesondere der Gewinn und die Sicherung von Nachwuchs kann durch den Transfer erreicht werden.
Als weiteres Problem, das der gewünschten Verbreitung im Wege steht, wird die unter Projekten herrschende Konkurrenz genannt, die einen offenen Umgang miteinander im Wege steht. Dies trägt dann dazu bei, dass eine Projektidee nicht einfach aufgegriffen, sondern stattdessen auf eine eigene Innovation gesetzt wird. Zudem gibt es viele Ansätze, die dem der Zeitbank sehr ähnlich sind, wie Tauschbörsen oder Initiativen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch das kann dazu beitragen, dass sich der Ansatz der Öcher Frönnde nicht überregional verbreitet.

Dank der präzisen Vorstellung von Erfahrungen und Fragen war es eine sehr intensive und konzentrierte Session, darin waren sich die Teilnehmer einig.

Zur Webseite der Öcher Frönnde

Der Erklärfilm über die Öcher Frönnde

 

CC Lizenz

Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht Kommerziell-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.