Fahren Sie gern Bahn? Was Sie beachten sollten, wenn Sie über Projekttransfer nachdenken

Janet Thiemann und Claudia Leißner arbeiten daran, gute Lösungen für Familien mit kleinen Kindern zu verbreiten. Für alle, die ebenfalls mit ihrem Projekt wachsen wollen, haben sie sechs Transfer-Tipps zusammengestellt, bei denen die BahnCard 100 eine besondere Rolle spielt.

 

Alle Eltern in Deutschland wollen gute Eltern sein. Seit 2005 bietet die MAPP-Empowerment GmbH mit ihrem Programm ELTERN-AG Kurse für sozial-benachteiligte Familien mit kleinen Kindern an. Über ein Social Franchise-System ermöglicht die MAPP-Empowerment GmbH Partnern vor Ort die ELTERN-AG-Methode zu lernen und eigenständig durchzuführen. Die Verbreitung wird von der gemeinnützige Auridis GmbH unterstützt. Während der Zusammenarbeit zwischen MAPP und Auridis haben wir viel über Projekttransfer in Deutschland reflektiert und auch Dinge infrage gestellt. Dabei haben wir fünf Beobachtungen gemacht, die anderen Organisationen beim Nachdenken darüber helfen können, ob sie ihr Projekt verbreiten wollen.

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1. Ein Skalierungsmodell ist noch kein Geschäftsmodell

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Kultur der „Projektitis“ eingeschlichen, die gemeinsam mit der Overhead-Phobie die Finanzierung für gesellschaftlich relevante Vorhaben schwierig macht. Ein Projekttransfer wird dieses Problem eher noch verstärken. Denn Projekttransfer ist zu großen Teilen Overhead-Tätigkeit, die ungern von sozialen Investoren finanziert wird. Gut, wenn eine Organisation auf eigene Einnahmen bauen kann. Ein Skalierungsmodell macht noch kein Geschäftsmodell.

Ein Geschäftsmodell heißt, dass Sie ein Produkt oder ein Angebot für einen bestimmten Preis verkaufen und dadurch stetige Einnahmen erzielen. Diese Einnahmen können durch Schulungs-, Franchise-, Mitglieds- oder Lizenzgebühren, über Materialverkauf, eine Umlage der Gemeinkosten oder Beratungssätze erzielt werden. Die Partner der MAPP entrichten zum Beispiel eine einmalige Schulungsgebühr, um die Methode zu erlernen, sowie eine fortlaufende Qualitätssicherungsgebühr, um die Kurse unter dem Namen ELTERN-AG anbieten zu können und an der regelmäßigen Qualitätssicherung teilzunehmen.

Diese Einnahmen können Sie eher erzielen, wenn Ihre Transferpartner vor Ort ebenfalls eigene Einnahmen erzielen. Dies können Teilnahme- oder Schulungsgebühren, kommunale Leistungen (Präventionsleistungen des Jugendamts) oder zum Beispiel die Finanzierung über eine Krankenkasse sein. Die Partner der ELTERN-AG beispielsweise finanzieren ihre Kurse vor Ort durch kommunale Leistungen.

2. Die Essenz destillieren

Wenn Sie anfangen, über einen Transfer Ihres Projekts nachzudenken, werden Sie schnell auf die Frage nach dem Grad an Offenheit stoßen. Geben Sie Ihre Erkenntnis in einem Open Source-Handbuch weiter, bieten Sie Ihr Programm als Social Franchise an oder bauen Sie eigene Filialen auf? Egal für welche Verbreitungsform Sie sich entscheiden, Ihr Ziel ist es, bei allen Transferpartnern eine gleichbleibende Qualität gewährleisten zu können (wofür Sie mit den Namen Ihres Programms bürgen).

Dafür ist es wichtig, die Essenz Ihres Angebots herauszudestillieren und zu bestimmen, in welcher Komplexitätsstufe an anderen Orten und durch welche anderen Teams dieses Angebot konsistent erbracht werden kann. Dafür können Sie sich fragen, welche gesellschaftliche Wirkung Ihr Angebot anstrebt. Lösen Sie sich gedanklich für einen Moment von Ihrem bestehenden Angebot und fragen Sie sich, auf welchen Wegen Sie ein ähnliches Ergebnis, eine ähnliche gesellschaftliche Wirkung erzielen könnten. Fragen Sie sich auch, welcher Teil Ihres Angebots tatsächlich essenziell für die gesellschaftliche Wirkung, die sie anstreben, ist.

Eine gleichbleibende Qualität, nicht die allerhöchste Qualität ist für Ihr Transfervorhaben entscheidend. Manchmal beschleicht uns das Gefühl, dass wir Qualitätssicherung mit unserem persönlichen Kontrollwahn verwechseln und dass wir es nur schwer aushalten können, wenn andere Menschen anders an Problemstellungen herangehen. Die ELTERN-AG macht ihren Partnern vor Ort bewusst, welche Bausteine des Konzepts unveränderbar sind und welche Bausteine sie an die Bedingungen vor Ort anpassen können.

In der Regel haben auch Sie nicht das Rad neu erfunden. Akzeptieren Sie die Expertise anderer und wertschätzen sie diese! Seien Sie mutig und lassen Sie zu, dass andere Ihre Ideen aufgreifen, weiterentwickeln und verändern! Ihrer Angst, dass Ihre Idee in schlechterer Qualität angeboten wird, können Sie zwar durch Verträge und umfangreiches Regelwerk entgegenwirken. Sie werden aber erfolgreicher sein, wenn Sie es schaffen, die Kollegen vor Ort, die Experten in ihrem Arbeitsfeld und ihrer Region sind, in die Entwicklung einzubeziehen

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3. Huckepack – existierende Strukturen nutzen

Erfolgreicher Projekttransfer schafft es, eine gesellschaftliche Lösung zu skalieren und nicht die Organisation. Besonders erfolgreich sind Angebote, die es schaffen, an existierenden Strukturen anzudocken und diese für sich zu nutzen.

Viele ELTERN-AGs werden vor Ort von den etablierten Trägern der Freien Wohlfahrtspflege, wie zum Beispiel AWO, DRK oder die christlichen Wohlfahrtsorganisationen, durchgeführt. Der Aufbau von neuen Strukturen ist immer kostspielig und langwierig. Die entscheidende Frage ist: Wo sind die Menschen, die Sie erreichen möchten? In Deutschland gibt es die großen Wohlfahrtsverbände, die zusammen wesentliche Teile des sozialen Sektors ausmachen. Weit über 50 % aller sozialen Einrichtungen in Deutschland sind in Trägerschaft der Freien Wohlfahrt. Als kleine Organisation ist es ratsam, sich nicht vom Wohlfahrtssystem abzugrenzen, sondern gezielt die Zusammenarbeit zu suchen und die Symbiose aus Schnellboot und Tanker zu nutzen.

4. Andere Kompetenzen sind gefragt

Deutschland leistet sich mit seinem Sozialsektor viele Innovationen, die jedoch immer wieder zu Lasten der Qualität gehen. Natürlich macht es mehr Spaß, vor Ort das passende Angebot zu entwickeln. Doch häufig fehlen die Ressourcen, neu entwickelte Programme so wirkungsvoll und nachhaltig aufzustellen, dass der Aufwand gerechtfertigt gewesen wäre.

Bei der Verbreitung der ELTERN-AG brauchten wir die Offenheit, mit Experten, Beratern und Unternehmern in Kontakt zu kommen, die unterschiedlichen Sprachen zu verstehen und die betriebswirtschaftlichen Methoden an unser eigenes Geschäftsmodell anzupassen. Wir merkten schnell, dass sich die Herausforderungen wachsender Sozialunternehmen gar nicht so sehr von denen konventioneller Unternehmen unterscheiden. Kompetenzen in Vertrieb, Marketing und Personalmanagement sind absolut notwendig.

Erfolgreicher Projekttransfer hat mit Innovation wenig am Hut. Genauer gesagt hat er mit Produktinnovation wenig am Hut. Es geht vielmehr um Prozessinnovation: die Arbeit an einem Projekttransferhandbuch, etwas konzeptionelle Arbeit und viel Prozess- und Detailarbeit.

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5. Wie gern fahren Sie mit der Bahn?

Projekttransfer heißt reisen, sehr viel reisen. Sind sie bereit, in den nächsten Jahren bis zu einhundert Tage im Jahr in ganz Deutschland unterwegs zu sein? Damit andere Menschen von Ihnen lernen können, ist es wichtig, sehr viel Zeit vor Ort bei den Partnern zu verbringen und den Spirit Ihrer Ideen lebendig werden zu lassen. Janet Thiemann sagte beim jährlichen Auridis-Gespräch fünf Jahre in Folge den Satz: „Dieses Jahr waren wir so viel unterwegs, ich kann mir nicht vorstellen, dass es im nächsten Jahr noch mehr werden kann“ – und es wurde jedes Jahr mehr.

Wenn Sie Ihre Vision verwirklichen möchten, dann braucht es viel Zeit und Energie. Es ist ein Trugschluss, dass der erfolgreiche Aufbau eines Sozialunternehmens – weil es „sozial“ ist – mehr Work-Life-Balance zulässt als die Gründung eines For-profit-Unternehmens.

6. Fragen Sie sich, ob Sie bereit für diese Veränderungen sind!

Fragen Sie sich auch, ob Ihre Organisation und Ihre Kollegen bereit für diese Veränderungen sind. Das Aufgabenspektrum einiger Kollegen wird sich verschieben, weg von der inhaltlichen Arbeit mit Ihrer Zielgruppe hin zur Transferarbeit, dem Management von Kooperationen, der Weiterbildung von Kollegen und dem Vertrieb, um neue Partner zu gewinnen.

Das alles schreckt Sie nicht? Wunderbar, dann auf ins Abenteuer Projekttransfer.

Von Janet Thiemann (Geschäftsführerin MAPP-Empowerment GmbH) und Claudia Leißner (ehemals Investmentmanagerin Auridis GmbH)

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