ELTERN-AG: FuckUpSession

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Claudia Meussling von der ELTERN-AG beim openTransfer CAMP Kleine Helden am 4.12.2015 in Essen

 

Die ELTERN-AG ist ein bundesweit bekanntes Social-Start-up. Claudia Meussling berichtet in der „FuckUpSession“ von Fehlern und Scheitern und ermunterte die Teilnehmenden, die Lerneffekte in den Fokus zu nehmen.

 
Zu Anfang legte Claudia Meussling die nackten Zahlen auf den Tisch. Laut Businessplan aus dem Jahr 2007 wollte die ELTERN-AG bis 2015 ca. 50.000 Kinder erreicht und 2.400 Eltern-Workshops durchgeführt haben. Stattdessen wurden 6.800 Kinder erreicht und 340 Workshops veranstaltet. Bildhaft hielt sie einen großen und einen kleinen Luftballon hoch.

Der unwägbare Faktor Mensch
Um ELTERN-AG von der Zentrale in Magdeburg aus deutschlandweit zu multiplizieren, werden die Eltern-Workshops von Kooperationspartnern, in der Regel Träger der Kinder- und Jugendhilfe (wie AWO, Caritas, Parität etc. ), durchgeführt. Dafür werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Organisationen im ELTERN-AG Konzept ausgebildet und leiten anschließend die Kurse in ihren Heimatorten. Der wichtigste Hebel beim Wachstum bildet also das Finden passender Kooperationspartner.
Immer wieder gab es jedoch ganz unterschiedliche nicht beeinflussbare Hindernisse seitens der Kooperationspartner, wie Personalwechsel, Haushaltsstopps, Schwangerschaften etc., die es unmöglich machten, das Programm tatsächlich erfolgreich umzusetzen. Der laut Businessplan angenommene Aufwand zur Akquise von Kooperationspartnern war viel zu gering.

Zwei junge Frauen sitzen in einem Stuhlkreis, ein Mann dreht den Rücken zur Kamera.

Auch von der Auffassung, ein hohes Maß an wissenschaftlicher Begleitung und Evaluation und der Beweis eines riesigen gesellschaftlichen Impacts würden fast automatisch zum Erfolg führen und das Problem der schleppenden Kooperationspartnerakquise lösen, habe sich das Team schnell verabschieden müssen.

Aber das Team hat daraus viel gelernt und das Geschäftsmodell angepasst. Da es das Projekt auch acht Jahre nach dem Schreiben des Businessplans noch gibt, bedeutet das Scheitern an der einen Stelle nicht immer das Aus für die Geschäftsidee insgesamt.

Auf die Frage, warum die Kalkulation so daneben liegen konnte, hatte die Sessiongeberin zwei klare Antworten: Erstens: Als eines der ersten Social Businesses, das auf diese Art und Weise Konzepttransfer gestaltete, konnte nicht auf Erfahrungswerte zurückgegriffen werden. Zweitens: Es gibt im Sozialsektor das sozialökonomische Dienstleistungsdreieck und damit sehr viele Faktoren, die man als Dienstleister nicht beeinflussen kann. Nur weil ein objektiver Bedarf besteht, muss es nicht automatisch eine Nachfrage geben. Haushaltsstopps, spezifische Krisen, die Personal binden etc. machen es „Neulingen“ in dem Sektor schwer, Vorhersagen zu treffen. Außerdem zeigt sich der Faktor Mensch immer wieder als hochgradig unwägbar.
Von Beginn an war das Team der ELTERN-AG ein junges und sehr weibliches Team. 2011 waren dann 30 Prozent des Teams schwanger oder in Elternzeit, was für ein kleines und neues Team äußerst schwierig zu kompensieren war. Das Wachstum stagnierte.

Ein weiteres Beispiel für große aber manchmal erfolglose Investitionen war die Einstellung einer neuen Mitarbeiterin mit nützlicher Praxiserfahrung. Sie hatte gerade angefangen, wurde drei Monate lang eingearbeitet und war mittlerweile zuständig für die Gewinnung und das Management von Kooperationspartnern. Zum Ende der Probezeit teilte sie dem Rest des Teams ihren Abschied mit. Sie wollte zurück zu ihrem vorherigen Arbeitgeber. Dies passierte ausgerechnet im September (der Herbst ist die entscheidende Phase für die Akquise für das Folgejahr). Auch Partner, die kurzfristig absprangen, gab es in den vergangenen Jahren immer wieder bei der ELTERN-AG.
Diese Scheitern-Geschichten waren die Vorlage für die folgende Diskussion unter den Session-Teilnehmenden.

Stiftungen, die Patente kaufen und verbreiten?
Eine weitere Geschichte des Scheiterns erzählte eine Teilnehmerin: Die Rabanus-Methode unterstützt die Entwicklung der Lesefähigkeiten von Kindern. Dabei handele es sich um eine alte Fingerzeig-Methode, die vom Projekt Lesenest zunächst ohne Lizenzen an Ehrenamtliche weitergegeben wurde. Später sei die Methode geschützt worden, und die Ehrenamtlichen sollten die gleiche Arbeit machen mit dem Unterschied, dass nun eine Lizenzgebühr gezahlt werden sollte. Viele Ehrenamtliche seien daraufhin enttäuscht abgesprungen. Die Teilnehmerin schlug vor, dass größere Stiftungen solche „Patente“ schützen sollten. Auf diese Weise würden sie dafür sorgen, dass eine lizenzfreie Verbreitung möglich bleibt.

Am Ende kam aus dem Teilnehmerkreis noch eine Idee für die ELTERN-AG: Wie bei einer Art Crowdfunding-Kampagne könne man kommunizieren, dass jedes Mal, wenn ein bestimmter Betrag auf das Spendenkonto eingeht, ein weiterer Berater für die Elternworkshops ausgebildet wird. Dies biete sich vor allem dann an, wenn, wie im Fall der ELTERN-AG, diejenigen, die sich dafür interessieren, das Projekt umzusetzen, selbst nicht das Geld für die Umsetzung aufbringen können. Alle, die wollen, dass sich das Konzept weiter verbreitet und noch mehr Menschen erreicht, können mit einer – auch kleinen – Geldspende dazu beitragen.

Die Session endete sinnbildlich mit einem geplatzten, aber auch mit einem neu aufgeblasenen Ballon.

http://www.ELTERN-AG.de

Foto: #otc15 (CC BY SA) / Jennifer Braun

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