Kunst-Stoffe: Teil einer weltweiten Bewegung

In Gebrauchtmaterial-Zentren finden Künstler und Bildungseinrichtungen in Hülle und Fülle kostenloses Material. Die Idee, Abfall einen neuen Wert zu geben, brachte Corinna Vosse von New York nach Berlin. Inzwischen erleichtert ein Handbuch den Transfer in weitere Städte.

KS Eingang

Anfang der 90er Jahre in New York war ich das erste Mal in meinem Leben in einem Re-Use Center. Hier gab es in Hülle und Fülle unterschiedlichstes Material, das nicht mehr gebraucht wurde und nun kostenlos Künstlern oder Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt wird. KünstlerkollegInnen haben mich zu Materials for the Arts, kurz MftA, mitgenommen. Die Bedeutung, die dieser Besuch für mich haben wird, war zu diesem Zeitpunkt gar nicht absehbar. Erstmal war ich dort einfach an den Materialien interessiert, habe Sachen für eine Installation oder für Kostüme gesucht, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls fand ich es toll, dass es so etwas gibt: Einen Ort, wo Materialien und Objekte versammelt sind, die es in dieser Form in keinem Laden gibt. Das besondere lag für mich damals in zweierlei. Zum einen gab es merkwürdige Halbzeuge oder Einzelteile, die erst dadurch, dass sie hier zweckentbunden in großen Mengen herumlagen, sich als Material mit einer ganz eigenen Ästhetik und verschiedenen Einsatzmöglichkeiten offenbart haben. Zum anderen waren hier alle Materialien umsonst. Diese ambivalente Mischung, dass man auf der einen Seite mit Resten und Abfällen konfrontiert war und auf der anderen Seite aus dem Vollen schöpfen konnte, hat mich sehr angeregt.

 

Von Reuse Centern und Scrap Shops

Das ist der poetische Teil hinter der Geschichte von Kunst-Stoffe und den Bemühungen, die Idee nach Berlin zu tragen und weiter zu verbreiten. Zwischen dem Besuch bei Materials for the Arts und der Eröffnung von Kunst-Stoffe lagen über zehn Jahre. Mittlerweile gab es in Deutschland Bagels, Skateboards und Halloween, aber keine Spur eines Gebrauchtmaterialzentrums. Das haben wir, am Anfang Frauke Hehl und ich, als erstes recherchiert. Gezeigt hat sich, dass es in den anglo-amerikanischen Ländern eine regelrechte Tradition der Reuse Center oder Scrap Shops gibt. Sie gibt es seit langem in Großbritannien, in den USA, in Kanada und in Australien. Es gibt sogar nationale Dachorganisationen, wie ScrapstoresUK, die 94 Einrichtungen aufführt, oder Reuse Development Organisation ReDO in den USA mit fast 150 Einträgen. Spannenden Abfall und kreative Menschen gibt es auch in Europa genug – warum hat es die Idee hier trotzdem so schwer?

Seinen Anfang nahm die Idee von der systematischen Sammlung von Gebraucht- und Abfallmaterial für kreative und pädagogische Zwecke in den 70ern. Anhand der primären Zielgruppen lassen sich zwei Typen unterscheiden: Scrap Stores operieren als Bildungseinrichtungen, die Belieferung von Schulen mit Material für Kunstunterricht und Projektarbeit steht im Vordergrund. Einrichtungen wie Materials for the Arts agieren primär als Infrastruktur für die verschiedenen Kreativszenen und frei finanzierten, nichtkommerziellen Kunst-Orte.

 

Umsetzung in Berlin

Kunst-Stoffe als ein Projekt der Nuller-Jahre, das wir in Berlin starteten, stellt rückblickend einen dritten Typ von Re-Use Zentren dar. Mir war von vornherein der ökologische Aspekt sehr wichtig. Ich wollte einen praktischen Rahmen schaffen, in dem vermeintliche Abfälle in Wert gesetzt werden können, die verschwenderische Struktur unseres Wirtschaftssystems anschaulich zu machen. Frauke hat parallel zur Einrichtung unseres Material-Lagers den Aufbau einer Offenen Werkstatt betrieben. So können die ausgewählten Materialien gleich vor Ort bearbeitet und verwandelt werden, es ergeben sich neue Zielgruppen und zusätzliche Workshopmöglichkeiten.

 

Das Vorbild MftA hat rückblickend als Impuls gewirkt, die weitere Entwicklung von Kunst-Stoffe vom Gebrauchtmaterialzentrum zum Dach für eine Vielzahl von Programmen zu Ressourcenschonung, Kreativitätsförderung und nachhaltiger Ökonomie hat sich durch das Zutun vieler unterschiedlicher Mitwirkender vollzogen und ist immer noch im Gange. Darüber hinaus sind mittlerweile Gebrauchtmaterialzentren in anderen europäischen Städten entstanden, unseres Wissens Paris, Hamburg und Basel, an anderen Orten gibt es Initiativen und einige der Gründer und Gründungswilligen haben wir inspiriert und beraten.

 

Herausforderungen beim Transfer

Die Übertragung ist nicht so einfach wie zum Beispiel beim Repair Cafe, denn der Betrieb eines Gebrauchtmaterialzentrums erfordert dauerhaft viele Ressourcen: eine Menge Lagerplatz und zwar innenstadtnah bzw. gut angebunden an den Öffentlichen Nahverkehr; Arbeitskraft, um Kommunikation mit Materialgebern, Transportlogistik, Präsentation und Kommunikation mit Nutzern zu organisieren; Öffentlichkeit, denn er fordert von allen Beteiligten ein Schwimmen gegen den (Abfall)Strom.

Wir haben damals einfach angefangen, das hatte den Vorteil, dass wir innerhalb von wenigen Monaten von der Projektskizze über die Anschubfinanzierung bis zur Eröffnung gelangt sind. Der Nachteil war, dass es kaum Strukturen für eine gezielte Entwicklung und langfristige Tragfähigkeit gab. Die Anschubfinanzierung haben wir über einen speziellen Fonds erhalten, der aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin gespeist und vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung verwaltet wurde. Leider gibt es dieses Förderinstrument nicht mehr. Einen Standort haben wir beim Liegenschaftsfonds des Landes Berlin anmieten können. Die Liegenschaftspolitik Berlins steht ja zu Recht für ihren Ausverkauf in der Kritik, und auch der Umgang mit leer stehenden Immobilien war und ist nicht immer offen für Zwischennutzungen, aber wir hatten damit Glück.
Alle Projekte dieser Art mit denen ich Kontakt habe, erfordern Engagement, oder anders gesagt keines kann die benötigten Ressourcen selbst generieren und reproduzieren. Aus meiner Sicht ist nicht so bald damit zu rechnen, dass die Vermittlung von Gebrauchtmaterialien sich wirtschaftlich trägt – nicht so lange die Kosten für die Nutzung natürlicher Ressourcen in die geografische oder zeitliche Ferne verlagert werden.

Heute ist ein solches Anliegen anschlussfähig an öffentliche Politik, zumindest programmatisch. Für die Finanzierung neuer Infrastrukturprojekte mit öffentlichen Mitteln stehen die Chancen allerdings trotzdem schlecht, da Gelder langfristig festgelegt sind und Innovation nur auf dem Wege der Haushaltsaufstockung gefördert werden kann. Wo Anerkennung und Identifizierung für die Akteure einzige Währung sind, wird Alleinstellung und Abgrenzung gegen ähnliche Projekte wichtig – was wiederum nicht gerade den Transfer von Erfahrungen und bereits entwickelten Strukturen befördert. Das ist schon ein Paradox: In einer Situation, in der neue, gesellschaftsrelevante und lösungsvermittelnde Ansätze es schwer haben, weil herrschende Wirtschaftsform und Verwaltungswirklichkeit faktisch gegen sie sprechen, vergeuden Akteure Zeit und Energie damit, ein einfaches Grundkonzept immer wieder neu zu erfinden. Man darf natürlich nicht außer Acht lassen, dass eine Übertragung lokale Gegebenheiten berücksichtigen muss und darum ein Stück weit jede Umsetzung eigene Formen erfordert und hervorbringen muss.

 

Mitmachen und Nachmachen!

Ich denke heute, dass wir mit Kunst-Stoffe wirklich vieles falsch gemacht haben. Und vieles richtig. Diese Erfahrungen weiterzugeben ist so relevant wie schwierig. Letztlich ist ein Text dafür auch gar nicht die richtige Form. Aber er ist ein Schritt dahin, für mich selbst, um die Erfahrungen zu reflektieren und für andere, um sich für die Idee zu interessieren. Dann kann man ja auch vorbei kommen bzw. Kontakt mit uns aufnehmen.

Und wenn man sich systematischer mit der Gründung eines Gebrauchtmaterialzentrums beschäftigen möchte bietet das 2010 entstandene Manual vielleicht ein paar hilfreiche Hinweise. Es ist auf unserer Webseite unter dem Menüpunkt „Downloads“ abrufbar.

 

www.kunst-stoffe-berlin.de

 

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