Was ist eigentlich gesellschaftlicher Zusammenhalt? Und wie können wir ihn stärken?

Über 80 Prozent der Deutschen sorgen sich mehr oder minder um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Aber was gefährdet ihn denn? Noch grundsätzlicher: Woraus besteht der sprichwörtliche Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, und wie kann jede:r von uns etwas zu ihm beitragen?

Eine Frau steht auf dem Bürgersteig vor dem Hauseingang, neben ihr ein Sofa. Das sperrige Möbelstück muss in den dritten Stock. Allein ist das für sie nicht zu bewerkstelligen. Wenn jetzt zwei Nachbar:innen kämen und mit anpackten, dann wäre es geschafft. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht überall. Damit die Schritte dahin gelingen – die nachbarschaftliche Ansprache, die Bereitschaft und das Zupacken –, müssen eine Reihe von Voraussetzungen gegeben sein. Sie haben viel mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zu tun. Aber wo genau macht sich der in dieser kleinen Episode bemerkbar? Darum soll es im Folgenden gehen.

Das Projekt „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ der Bertelsmann Stiftung beschäftigt sich sei zehn Jahren mit Fragen des gesellschaftlichen Wandels. Dort definieren wir Zusammenhalt anhand von drei Bereichen mit insgesamt neun Dimensionen und messen auch seine Qualität darüber. Diese drei Bereiche sind:

  • stabile, vertrauensvolle und vielfältige soziale Beziehungen zwischen den Menschen
  • starke Gefühle von Verbundenheit und Zugehörigkeit zum Gemeinwesen
  • Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl einzusetzen
Quelle: Bertelsmann Stiftung

Vertrauen ist der Kitt der Gesellschaft

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Sofa ohne professionelle Hilfe in den dritten Stock gelangt, ist höher, wenn stabile Beziehungen zu Nachbar:innen und Freund:innen bestehen. Dann ist es leichter, diese auch anzusprechen. Und wenn – bleiben wir bei der Frau aus unserer kleinen Episode – gerade niemand da ist, den sie persönlich kennt, dann hilft es ihr, wenn sich die Menschen in der Gesellschaft gegenseitig vertrauen. Wer eher misstrauisch auf andere Menschen schaut, wird sich weder gerne helfen lassen noch spontan Hilfe anbieten. In modernen Gesellschaften, in denen sich die wenigsten Menschen persönlich kennen, ist daher Vertrauen das Schmiermittel, das dafür sorgt, dass wir trotzdem miteinander umgehen können.

In vielfältigen Einwanderungsgesellschaften, in denen Menschen unterschiedlicher Lebensstile, Herkunft und Religion zusammenleben, gilt das umso mehr. Problematisch wird es, wenn vertrauensvolle Beziehungen nur zwischen denjenigen existieren, die einander gleichen. Stattdessen bedarf es des sogenannten brückenbildenden Sozialkapitals, wie es der Soziologe Robert Putnam genannt hat. Damit meinte er ein Vertrauen und Beziehungen, durch die Brücken zwischen unterschiedlichen Menschen und Gruppen entstehen.

Ohne Gemeinwohlorientierung bleiben die, die Hilfe brauchen, häufig allein

Auch eine starke Gemeinwohlorientierung hilft dabei, das Sofa vom Bürgersteig zu bekommen. Denn je mehr Menschen es gibt, die von sich aus bereit sind, solidarisch und hilfsbereit zu agieren, desto stärker ist der Zusammenhalt. In einer Gesellschaft, in der jeder vor allem an sich selbst denkt, bleiben die, die Hilfe und Unterstützung benötigen, häufig allein. Dann wird es nicht nur schwierig, ein Sofa die Treppe hinaufzubringen: Wenn kein Gespür für das Gemeinwohl da ist, dann passiert es eher, dass Menschen Möbel, die sie nicht mehr brauchen, als wilden Müll am Straßenrand zurücklassen.

Der Zusammenhalt in Deutschland ist stabil, aber herausgefordert

Im „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ haben wir, gemeinsam mit anderen Wissenschaftler:innen, das Niveau und die Entwicklung des Zusammenhalts in Deutschland anhand der genannten drei großen Bereiche empirisch untersucht. Dabei konnten wir den verbreiteten Eindruck, es stünde schlecht um unser gesellschaftliches Miteinander, nicht bestätigen. Vielmehr ist der Zusammenhalt im Zeitverlauf überraschend stabil. So ist zum Beispiel die Zahl der Menschen, die sich für das Gemeinwohl engagieren und sich für Schwächere einsetzen, gleichbleibend hoch – auch wenn sich die Art und Weise des Engagements verändert hat. Ein paar Herausforderungen gibt es jedoch und die sollten wir im Auge behalten.

Nicht alle Menschen sind gleichermaßen eingebunden

Inzwischen ist ausreichend belegt, dass ärmere Menschen und Personen mit geringer Qualifikation, aber auch Menschen mit Migrationsgeschichte und Alleinerziehende in ihrem Alltag einen geringeren Zusammenhalt erleben. Das heißt, selbst wenn im Durchschnitt in Deutschland der Zusammenhalt verhältnismäßig stark ausgeprägt ist, sind nicht alle Menschen und Bevölkerungsgruppen in gleichem Umfang in die Gesellschaft eingebunden: Die sozialen Netze einiger sind weniger dicht gewoben, sie fühlen sich weniger zugehörig, häufig empfinden sie ihre Lebensumstände als ungerecht und sie erleben in ihrem Umfeld ein geringeres Maß an Solidarität.

Der Umgang mit Vielfalt polarisiert

Bei einigen Teilaspekten von Zusammenhalt gibt es auch zweischneidige Entwicklungen: So ist zwar die Akzeptanz von Diversität, also die Offenheit für unterschiedliche Lebensentwürfe und Wertvorstellungen, in den letzten Jahren insgesamt in Deutschland größer geworden. Jedoch tun sich bei diesem Thema teilweise deutliche regionale Klüfte auf – etwa zwischen Ost- und Westdeutschland und zwischen verschiedenen Milieus. Während also ein großer Teil der Gesellschaft immer offener für Vielfalt wird, verändern sich die Haltungen anderer Teile kaum oder werden sogar zunehmend ablehnender.

Die Entfremdung von den demokratischen Institutionen nimmt zu

Problematische Aspekte zeigen sich auch beim sogenannten Institutionenvertrauen: Jede Gesellschaft benötigt ein gewisses Maß an Unterstützung für die Institutionen, die sie repräsentieren. Dazu gehören Regierungen, Parlamente und Parteien. Damit ist kein blindes Vertrauen gemeint, sondern ein aufgeklärtes und aufmerksam-kritisches Vertrauen. Allerdings ist schon seit Längerem eine gewisse Entfremdung der Bürger:innen von den politischen Institutionen erkennbar. Sie kann im schlimmsten Fall zu einer Bedrohung für die freiheitliche Demokratie werden. Mit dem geringen Institutionenvertrauen geht noch ein zweiter Befund einher: Ein überwältigender Teil der Deutschen hat den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft ungerecht zugeht. Dieses Gefühl, nicht fair behandelt zu werden, stellt ebenfalls ein Risiko für den Zusammenhalt dar.

Wo die Teilhabechancen größer sind, fällt der Zusammenhalt stärker aus

Zusammenhalt ist dort stärker, wo die Menschen bessere Chancen auf eine aktive und selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft haben. Wo Armut und Ungleichheit herrschen, fällt der Zusammenhalt geringer aus. Genauso ist der Zusammenhalt dort schwächer, wo etwa mehr Schüler:innen die Schule ohne Abschluss verlassen und wo die soziale Infrastruktur weniger gut ausgebaut ist.

Trotz verbreiteter Verunsicherung hat sich der Zusammenhalt in der Corona-Pandemie bewährt

Dass wir heute so viel über Zusammenhalt sprechen und sich viele Menschen Sorgen darum machen, hängt damit zusammen, dass wir uns mitten in einer Phase dramatischer und fundamentaler Veränderungen befinden: Die fortschreitende Globalisierung, die Digitalisierung aller Lebensbereiche, Flucht- und Migrationsbewegungen, die rasant alternde Gesellschaft und die sich abzeichnende Klimakatastrophe stellen viele Bereiche unseres gewohnten Zusammenlebens infrage. Die Veränderungsdynamik erzeugt ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, das auch in einer zunehmenden Sorge um den Zusammenhalt zum Ausdruck kommt. Dabei zeigen die vielen positiven Erfahrungen der Corona-Pandemie, dass unser Zusammenhalt stark genug ist, um sich auch in Krisen zu bewähren.

Wie der Zusammenhalt gestärkt werden kann

Selbst wenn wir also davon ausgehen können, dass die weitverbreitete Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt übertrieben ist, so lassen die geschilderten Handlungsfelder erkennen: Es gibt reale Gefährdungen des Zusammenhalts, mit denen wir uns als Gesellschaft dringend befassen müssen. So können wir den Zusammenhalt fördern, indem wir uns gezielt um die Unterstützung von Familien und insbesondere Alleinerziehenden kümmern und Armut beziehungsweise Armutsfolgen bekämpfen. Auch zeigen unsere Studien, dass alles, was zu einer gelingenden Integration in der Einwanderungsgesellschaft beiträgt, den Zusammenhalt stärkt.

Worauf es ankommt

Das Zusammenleben in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft, in der Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und Wertvorstellungen miteinander auskommen müssen, ist keineswegs einfach oder konfliktfrei. Mithin ist auch der gesellschaftliche Zusammenhalt keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, um das man sich aktiv kümmern muss. Dazu gehört als Minimalvoraussetzung, dass die unterschiedlichen Mitglieder der Gesellschaft voneinander wissen, miteinander sprechen und sich wechselseitig als zugehörig anerkennen. Wenn das gegeben ist, lassen sich auch Auseinandersetzungen über das konkrete Zusammenleben führen – fair und auf Augenhöhe.

Den Zusammenhalt in der Nachbarschaft, genauso wie in der Gesellschaft insgesamt, kann man weder bei einem Onlinehändler bestellen noch lässt er sich von der Politik oder der Stadtverwaltung per Verordnung herstellen. Er muss vielmehr von uns allen täglich aufs Neue gelebt werden. Vor der eigenen Haustür, in der eigenen Nachbarschaft können wir damit beginnen. Etwa indem wir aufeinander zugehen, uns dafür interessieren, wer nebenan wohnt und uns für die Angelegenheiten im eigenen, überschaubaren Umfeld einsetzen. Tatsächlich sind es manchmal die kleinen, spontanen Aktionen, die spürbar etwas verändern im Miteinander: Zum Beispiel, wenn wir einer uns nur vage bekannten Frau, die mit einem Sofa auf dem Bürgersteig unserer Straße steht, Hilfe anbieten.

Dr. Kai Unzicker ist Sozialforscher und leitet bei der Bertelsmann Stiftung Das Projekt „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“

Hester Weigand ist Politologin und bei der Bertelsmann Stiftung Koordinatorin der Allianz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt – messen was verbindet“ ist HIER aufrufbar.

Der Artikel stammt aus dem E-Book „Zusammenhalt“.

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