Bürgerstiftungen – Organisierter Ideenklau immer beliebter

„Was die können, können wir auch“, dachten sich engagierte Niedersachsen 2010 und kopierten das Konzept einer anderen Bürgerstiftung gnadenlos: Sie stellten lange Essenstafeln und Bierbänke in der Innenstadt auf, verkauften die Picknickplätze an den Tischen an ihre Mitbürger und organisierten ein kleines Veranstaltungsprogramm dazu. Die Erlöse der Aktion gingen an die Projekte der Nachmacher-Bürgerstiftung. Und sogar der Name war abgekupfert: Bürger-Brunch!

 

Bürgerstiftungen Projektepool

 

Was nach einem üblen Urheberrechtsstreit klingt, war von langer Hand vorbereitet – und noch dazu vollkommen in Ordnung. Die Projekterfinder, die Akteure der Bürgerstiftung Braunschweig, hatten die Kollegen der Bürgerstiftung Hannover in ihrem Anliegen sogar unterstützt.

Es klingt abgedroschen, ist aber trotzdem wahr: Das Rad muss nun wirklich nicht immer wieder neu erfunden werden. Was an einem Ort schon erdacht und ausprobiert wurde, wird auf einen anderen übertragen, den dortigen Bedingungen angepasst und entsprechend umgesetzt.

Insbesondere Bürgerstiftungen verfügen über einige besondere Eigenschaften, die ihnen einen weitgehend unproblematischen Projekttransfer untereinander ermöglichen:

 

Trotz dieser nahe liegenden Argumente für den Projekttransfer ist diese Idee im Bürgerstiftungssektor insgesamt aber noch nicht so verbreitet. Woran könnte dies liegen, und was könnte man in der Werbung für Projekttransfer verbessern?

 

1. Herausforderung „Identifikation mit dem Projekt“

„Lieber alles selber machen“, heißt bei vielen Bürgerstiftungen die Devise. Die „uncoole“ Aura des Nachgemachten kann selbst hoch motivierte Akteure kühlen. Man will häufig keinen „Gebrauchtwagen“ als Projekt. Eine vermeintlich ureigene Idee sorgt wahrscheinlich immer für größere Identifikation als eine offensichtlich nachgemachte (die „Erfinder“ können – davon abgesehen – auch nicht in jedem Fall von der Existenz eines Vorläuferprojekts wissen). Daher sollten die Projekttransferierer einer Bürgerstiftung vor ihren Kollegen gleich mit offenen Karten spielen und deren Motivation an anderer Stelle anfachen: „Wir machen das aber viel besser!“ Jede Bürgerstiftung ist anders und sollte sich ihren persönlichen Zug in ihrer Arbeit auch unbedingt bewahren. So kann sie ihre Arbeit glaubwürdig vertreten.

 

2. Herausforderung „Anlaufstelle und Weiterverbreitung“

Die Idee des „Projekttransfers“ weiter zu verbreiten und unter den Bürgerstiftungen bekannter zu machen, bedarf besonderer Netzwerkunterstützung. Bürgerstiftungen fehlt in der Regel  schlicht die Zeit, bundesweit erfolgreiche Projekte zu sichten und auf ihre eventuell lokale Übertragbarkeit zu prüfen. Die Initiative Bürgerstiftungen stellt regelmäßig transferierbare Projekte auf ihren Arbeitskreistreffen vor und bietet mit ihrem Online-Projektepool ein konkretes Mittel zum Sichten von Ideen und zum Austausch untereinander. Über 100 Bürgerstiftungsprojekte können auf der Website der Initiative, nach Themen geordnet und in den Worten der Bürgerstiftungen dargestellt, eingesehen werden. Vergleiche hierzu: http://www.buergerstiftungen.org/de/beteiligen/projektepool.html

Dieses Tool kann und muss selbstverständlich extern kontinuierlich betreut und weiterentwickelt werden, ein Selbstläufer ist es nicht von allein. Daher hat die „Dr. Jürgen Rembold Stiftung zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements“ gemeinsam mit der Initiative Bürgerstiftungen in der Vergangenheit mehrmals zu kleineren Projektwettbewerben aufgerufen, um die Bekanntheit des Projektepools zu vergrößern. Im Pool gelistet zu sein, steht inzwischen für eine besondere Würdigung eines Projekts und seiner jeweiligen Bürgerstiftungsakteure.

 

3. Herausforderung „Projekt-Community“

Vielleicht ist aber auch nur „dabei sein“ alles? Durch den erfolgreichen Transfer Teil einer Projektbewegung zu werden? Das große Plus bei einem hochoffiziell organisierten Projekttransfer liegt schließlich in dem Dazugewinnen einer ertragreichen, je nach Projekt bundesweit reichenden Projektgemeinschaft. Die Bürgerstiftungen, die ein Projektmodell bereits erfolgreich durchgeführt haben, profitieren ebenfalls von den Neuinszenierungen ihrer Idee, von den anderen Varianten bzw. den eventuell Verbesserungen, aber auch Konstruktionsfehlern oder Anfälligkeiten eines Projekts. Das schafft neue Ansprechpartner sowohl in der Sache selber als auch im Organisationsmanagement. Denn Bürgerstiftungen sind immer noch sehr junge Institutionen, die nicht in jedem Fall auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Eine gute Projektdokumentation hilft sowohl den „Erstdurchführern“ als auch allen „Nachahmern“. Ein dynamisches Projektnetzwerk ist schließlich immer die beste Lobby für das Anliegen selbst.

 

Für alle weiteren Fragen und Informationen steht die Initiative Bürgerstiftungen (IBS, Ansprechpartner Axel Halling) gern zur Verfügung. Viele Details, Beispiele und Formularmuster finden sich übrigens auch in der IBS-Publikation: „Wissen teilen – mehr erreichen durch systematischen Projekttransfer“

 

 

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