Digitaler Wandel und Nachhaltigkeit – Interview mit Tilman Santarius

Digitale Lösungen gelten häufig als besonders schlank, geradezu entmaterialisiert und damit umweltverträglich: Für das E-Paper wird kein Baum gefällt, die Video-Konferenz ersetzt so manche Dienstreise und mit Carsharing brauche ich kein eigenes Auto mehr. Doch spätestens seit bekannt ist, dass das „Schürfen“ von Bitcoins astronomische Rechnerleistungen und damit Energie beansprucht, melden sich auch skeptische Stimmen. Sie wollen genau wissen, welche Umweltkosten der digitale Wandel mit sich bringt und schärfen den Blick dafür, welche Prozesse überhaupt digitalisiert werden müssen und welche nicht. Wir sprachen mit Prof. Dr. Tilman Santarius, der an der TU Berlin über die ökologischen Kosten des digitalen Wandels lehrt, an Nachhaltigkeitskonzepten arbeitet und die digitale Umweltkonferenz „Bits & Bäume“ miterfunden hat.

Frage: Herr Santarius, vieles, was digital funktioniert, gilt intuitiv als effizient und damit auch als ressourcen-sparend. An welcher Stelle entstehen die ökologischen Kosten der Digitalisierung?

Tilman Santarius: Da ist zum einen die Herstellung der Hardware, bei der Material und Energie verbraucht werden. Im Betrieb entstehen dann vor allem Stromkosten. Schließlich kommt die Entsorgung hinzu, die bei bestimmten Recyclingverfahren auch Energieverbrauch bedeutet.

Sie untersuchen mit Ihrer Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ an der TU Berlin genau, welche ökologischen Kosten im Einzelnen entstehen. Wie schneiden da digitale gegenüber analogen Verfahren ab?

Beim Thema E-Book-Reader ist das Ergebnis eindeutig. Da die Herstellung der Reader auch Energie verschlingt, „rechnet“ sich ein solches Gerät ökologisch im Vergleich zum gedruckten Buch ab der Nutzung von 30 bis 60 Büchern. Stellt man DVD und Streaming gegenüber, hängt das Ergebnis vom genauen Szenario ab. Fährt man mit dem Auto zu einer Videothek, kann das Streaming bis zu einem Drittel weniger Energie verbrauchen. Die Crux dabei ist, dass wir durch das Streaming sehr viel mehr Filme sehen, als wir uns ausleihen würden. Das gilt auch für das Online-Shopping – es wird im Internet länger eingekauft als im Geschäft und man kauft auch mehr. Interessanterweise gilt das für mobile Geräte noch mehr als für PCs.

…ein strukturelles Problem der Digitalisierung – die Effizienzgewinne werden von dem höheren Datenverkehr aufgefressen!

Das Phänomen ist auch als Rebound-Effekt bekannt. Die große Optimierungsmaschine Internet vergrößert den Komfort, man spart Zeit und Geld, alles wird effizienter – und damit steigt auch die Nutzung der Angebote.

Die meisten Geschäftsmodelle in der Digitalwirtschaft setzen gerade auf das Wachstums-Dogma. Gibt es keine Alternative?

Die Digitalisierung birgt eine Menge Chancen, gerade für eine Post-wachstumsgesellschaft – und zwar ohne qualitative Wohlstandsverluste. Digitalisierung kann helfen, Dinge wieder mehr zu den Menschen und in die Regionen zu bringen. Konsum kann dezentral organisiert werden, das Gleiche gilt für die Energieversorgung oder Mobilitätskonzepte. Viele Konzerne hingegen sind im hergebrachten Wirtschaften verhaftet und setzen voll auf zentrale, tendenziell monopolistische Lösungen. Die Zivilgesellschaft ist hier aufgefordert, diese Machtasymmetrien öffentlich zu machen und zu kritisieren.

Als Narrativ formuliert: Wie kann ein Positiv-Szenario aussehen?

Alternative Narrative sind wichtig, weil sie das Potenzial haben, Wirkung zu entfalten: In einem solchen Szenario hilft Digitalisierung, ein Grundversprechen der Demokratie einzulösen: dass jeder Mensch eine Stimme hat. Jeder kann sich zu Wort melden. Teil dieser Utopie ist es, dass sich jeder selbst verwalten kann. Mittelständler können in globalisierten Märkten mitmischen, Kommunen lokale Energie- und Wirtschaftskreisläufe selbst organisieren, Konsumentinnen und Konsumenten sowie Engagierte ermächtigen sich selbst. Solche positiven Bilder gilt es weiterzutreiben.

Darüber hinaus plädieren Sie in Ihrem Buch „Smarte grüne Welt“ für eine „sanfte Digitalisierung“. Wie kann man sich diese vorstellen?

Wir müssen aus dem digitalen Wandel das Tempo herausnehmen, genau hinschauen und überlegen, was wir digitalisieren wollen und was nicht. Es ist ein Plädoyer, sich von Mantras zu befreien, die eine permanente Disruption fordern. Wir lassen uns zu schnell einreden, dass wir in Europa mit der globalen Konkurrenz mithalten müssten, nicht zurückfallen dürften und dass nur eine möglichst radikale „Durchdigitalisierung“ dies garantiere. Das Gegenmodell ist die „sanfte Digitalisierung“. Es gilt, erst nachzudenken und dann zu digitalisieren. „Digitale Suffizienz“ ist ein weiterer Begriff, der gerade beginnt, Karriere zu machen. Zusammengefasst bedeutet er: so viele digitale Geräte und so viel Vernetzung wie nötig, doch so wenig wie möglich.

Was können zivilgesellschaftliche Organisationen in diesem Zusammenhang tun?

Wir müssen unsere Gedanken organisieren. Mit Konferenzen wie der „Bits & Bäume“ sind wir dabei, dies vorzumachen und konkrete Vorschläge zu auszuarbeiten. Hier kamen im November 2018 1.300 Menschen aus der Nachhaltigkeitsbewegung bis hin zur Tech-Szene zusammen und diskutierten, wer was tun kann und welche Forderungen an die Politik sinnvoll wären. Was wir hier gezeigt haben, kann zur Blaupause für andere Themenfelder wie Landwirtschaft oder Mobilität werden.

Prof. Tilman Santarius ist seit 2017 Professor für Sozial-ökologische Transformation und nachhaltige Digitalisierung am Einstein Centre Digital Futures und der Technischen Universität Berlin. Ehrenamtlich war er von 2007 bis 2016 Vorstandsmitglied bei Germanwatch; seit 2016 engagiert er sich im Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland. Zuletzt erschien sein Buch „Smarte grüne Welt“.

Der Text ist erschienen im E-Book:

„Digitalisierung. Vom Buzz Word zur zivilgesellschaftlichen Praxis“

Ein Buchcover liegt schräg auf einer Textinnenseite

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