Konkrete Wünsche von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten

Acht Jugendliche aus einem SOS-Kinderdorf beim openTransfer Camp #Ankommen am 24.9.2016 in Düsseldorf

Wovon träumt zum Beispiel ein 16-jähriger Afghane, der im Iran aufwuchs und nun in Deutschland gelandet ist? Gemeinsam mit den Teilnehmenden an der Session wurden Ideen gesammelt, wie diese Wünsche in die Tat umgesetzt werden können. Dabei wurde auch klar, dass zuständige Behörden und Engagierte nicht selten aneinander vorbeireden.

Die zentrale Frage in der gut besuchten Session war: „Was wünscht du dir?“ Antworten kamen von insgesamt acht Jugendlichen mit afghanischen Wurzeln, die gemeinsam in einem SOS-Kinderdorf leben. Die häufigste Antwort auf die Frage: Schule, ob nun in Form eines Berufskollegs oder der Besuch des Gymnasiums. Ein Praktikum als Bauzeichner, im Krankenhaus, bei der Polizei oder als Elektroniker wurde ebenso genannt. Sie berichteten, dass die Vermittlung über das örtliche Berufskolleg leider nicht immer klappe. Einer der Jugendlichen möchte Schauspieler oder Regisseur werden und sucht nun nach einer möglichen Schauspielschule. Auch das Abitur und ein anschließendes Studium, um später als Arzt oder im Bereich der Wirtschaft Fuß zu fassen, wurden mehrfach genannt.

Drei junge Männer und eine Frau sitzen in einer Stuhlreihe und lachen.

Ideensammlung während der Session
Ein Praktikumsgesuch könne man in sozialen Netzwerks wie Facebook posten, z. B. auf der Seite „Flüchtlinge willkommen in Düsseldorf“. Über die Initiative Labdoo könnten Laptops, u. a. mit CAD-Programmen zur Verfügung gestellt werden, wenn sich jemand für technisches Zeichnen interessiere. Der Antrag hierfür umfasse lediglich eine halbe Seite, und die materielle Förderung sei kostenlos. Reale Grenzen bildeten aber die behördliche Vorgabe, vorrangig eine Ausbildung als ein Studium zu beginnen.
Im Fall des Afghanen mit schauspielerischen Ambitionen wäre der KABAWIL e.V. eine erste Anlaufstelle in Düsseldorf, um neben der Schule erste Erfahrungen zu sammeln. Der Verein setze im Bereich der kulturellen Bildung auf Theater-, Tanz- und Musikprojekte – auch mit Geflüchteten. Beim Berufswunsch Polizist würden sich andere Muttersprachen als Deutsch und interkulturelle Kompetenzen als hilfreich herausstellen. Für die zu bestehenden Einstellungstests müsse man neben körperlicher Fitness i. d. R. auch ein Abitur mitbringen.
Diese Eignung hat bisher keiner von den Jugendlichen. Sie alle haben afghanische Wurzeln, sind aber zu großen Teilen im Iran aufgewachsen und konnten dort nur kurz die Schule besuchen. Ohne Papiere blieb ihnen eine reguläre Schulbildung jenseits der fünften Klasse verwehrt.

Ein sehr präsentes Thema war Sport. Fast alle der Jugendlichen nannten „Fitness“ als eines ihrer Hobbys. Doch lokale Fitnessstudios tun sich mitunter schwer mit der Aufnahme von Geflüchteten. Sie seien zudem oft am Abschluss langfristiger und kostspieliger Verträge interessiert. Vereinzelt konnten aber schon Kooperationen vereinbart werden. Es wurde in der Runde betont, dass Mannschaftssport auch eine Möglichkeit sei, um Kontakte zu knüpfen und die Sprache noch besser zu lernen. Viele Städte hätten zudem spezielle Angebote im Sportbereich, und grundsätzlich würden Mitspielerinnen und Mitspielern eigentlich immer von Vereinen gesucht. Interessierte sollten sich an den lokalen Sportbund wenden.

„Wie lebt ihr so?“
Zuletzt nutzten die Teilnehmenden an der Session die Möglichkeit und fragten, wie denn der Alltag der geflüchteten Jugendlichen aus der Wohngruppe aussehe. Die meisten von ihnen führen werktags mit dem Rad zum Zug und dann weiter zur jeweiligen Schule (Berufskolleg oder Gymnasium). Wer schon besser mit der Sprache klarkommt, wechsele bald in eine reguläre Klasse. Nachmittags stehe meistens Sport auf dem Programm. In der Wohngruppe organisierten sie auch einen Kochdienst und essen gemeinsam. Generell sei die Unterbringung minderjähriger unbegleiteter Geflüchteter deutschlandweit sehr unterschiedlich organisiert. Oft lebten sie auch innerhalb großer Unterkünfte in Wohngruppen, die aber nicht so familiär geprägt seien wie SOS-Kinderdörfer. Ein weiterer Glücksfall für die anwesenden Jugendlichen: Das Haus, in dem sie nun wohnen, wurde der Organisation von Privatpersonen zur Verfügung gestellt, und die umliegenden Schulen sind gut mit dem Nahverkehr und per Rad erreichbar. Letzteres sei bei der Unterbringung im ländlichen Raum leider oft ein Problem.

Letztendlich unterscheiden sich die Wünsche der Geflüchteten nicht von denen anderer Jugendlicher: Zugang zu Bildung für einen späteren Beruf und ein sicheres Zuhause stehen an erster Stelle. Einige sind mit dem Zusammenleben in der Wohngruppe sehr zufrieden, andere wünschen sich eine Pflegefamilie. In beiden Wohnformen sollte es aber sportlich zugehen.

Foto: Thilo Schmülgen

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