Schnelle Hilfe im Lockdown und nach der Flut – Bürger für Bürger Daun

Ein ehrenamtlicher Verein in der Eifel leistet dort Unterstützung, wo sie gerade am dringendsten gebraucht wird. Nach der Nachbarschaftshilfe während des Lockdowns entstehen nun Angebote für die Betroffenen der Flutkatastrophe.

Auf dem Foto steht ein Mann neben einem roten Bus. Auf dem Bus steht die Aufschrift "Bürger für Bürger e.V.". Im Hintergrund ist die Landschaft der Vulkaneifel zu sehen.
Foto: Bürger für Bürger e. V., Daun

Die Verbandsgemeinde Daun in der Vulkaneifel ist das, was man gemeinhin mit „ländlicher Raum“ bezeichnet. 22.000 Einwohner:innen verteilen sich auf nicht weniger als 48 Orte mit einer Fläche von 315 Quadratkilometern. Die Herausforderungen: weite Wege, eine Infrastruktur, die zurückgebaut wird, und eine alternde Bevölkerung. Hier, wo Ehrenamt schon immer eine wichtige Säule des gesellschaftlichen Zusammenlebens war, haben sich frühzeitig Einwohner:innen Gedanken gemacht, wie bürgerschaftliches Engagement helfen kann, Lücken in der Versorgung zu schließen. Entstanden ist auf diese Weise der Verein Bürger für Bürger. Die Vision: Eine sogenannte Sorgende Gemeinschaft, die die Versorgung insbesondere älterer Menschen durch Selbsthilfe unterstützt. Senior:innen sollen an ihrem Wohnort und wenn möglich in der eigenen Wohnung alt werden und lange oder dauerhaft in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Dazu organisiert der Verein ehrenamtliche Helfer:innen beispielsweise für Gartenarbeiten, aber auch einen Bürgerbus, der die zahlreichen Orte anfährt. Im Lockdown 2020 war der Verein von heute auf morgen mit weiteren, ganz elementare Herausforderungen der älteren Anwohner:innen konfrontiert.

Auf dem Foto ist ein älterer Mann mit einer Maske zu sehen. Er steht vor einem Transportbus und hält einen Bananen-Karton in den Händen.
Foto: Bürger für Bürger e. V., Daun

Ein Lieferdienst bringt Einkäufe und sorgt für Begegnungen

In einer Zeit, in der viele Ältere Sorge hatten, sich beim Einkauf mit Covid 19 anzustecken, organisierte der Verein eine Lebensmittelauslieferung. Da die meisten der über 1.000 Vereinsmitglieder aufgrund ihres Alters selbst zur Risikogruppe gehörten, wurde ein öffentlicher Aufruf gestartet, wer bei dem Projekt mit anpacken kann. 25 freiwillige Helfer:innen fanden sich. Tim Becker vom Verein Bürger für Bürger beschreibt den Ablauf so: „Drei lokale Lebensmittel-Märkte stellten die Einkäufe abholbereit zur Verfügung. Die Engagierten übernahmen dann das Ausliefern – insgesamt 450 Fahrten haben sie geleistet. Für viele Hochbetagte war die Übergabe der Einkäufe der einzige Außenkontakt. Das Haustürgespräch war das Highlight der Woche!“ Da es zahlreiche Senior:innen in der Verbandsgemeinde gibt, überlegt der Verein nun, ob er das Angebot verstetigt.

Die Aktion war darüber hinaus eine gelungene Maßnahme zur Nachwuchsgewinnung für den Verein. Schon vorher hatte sich der Vorstand darüber Gedanken gemacht, wie jüngere Mitglieder für ein Engagement gewonnen werden können. Mit der Idee des Lieferdienstes ist genau dies gelungen. Mehrere ehrenamtliche Fahrer:innen sind inzwischen in den Verein eingetreten und engagieren sich langfristig – zwei von ihnen sogar im Vorstand.

Telefondienst „Mir hale en Schwätzje“

Das Ausliefern der Lebensmittel hatte gezeigt, dass gerade die über 80-jährigen Mitglieder des Vereins weitere Angebote brauchen, damit sie die Kontaktbeschränkungen verkraften. Tim Becker erinnert sich: „Wir lieferten die Einkäufe an eine ältere Dame, die in einem Senioren-Apartment lebt. Sie hatte kaum noch Kontakte zu anderen, wirkte verzweifelt und drohte zu vereinsamen.“ Wie sich herausstellte, war dies kein Einzelfall. Im Vorstand entstand deshalb die Idee eines Telefon-Services, der vor allem die alleinlebenden Menschen anspricht. Mit Anna Utters wurde eine FSJlerin eingestellt, die das Projekt entwickeln und umsetzen sollte. In kurzer Zeit war die Aktion „Mir hale en Schwätzje“ geboren. Da sich viele einsame Menschen nicht von sich aus melden würden, wurden die hochbetagten Mitglieder des Vereins vorab schriftlich informiert, dass man sie anrufen würde und im zweiten Schritt nacheinander abtelefoniert.

Anfang April 2020 rief Anna Utters bei der ersten Seniorin an. Sie erinnert sich: „Die meisten Gespräche beginnen mit einem einfachen ‚Wie geht es Ihnen?‘. Ich fand es spannend zu hören, wie Menschen aus einer anderen Generation die Dinge sehen, welche Erfahrungen sie gemacht haben und wie sie im Moment ihren Alltag bewältigen.“ Insgesamt sechs Ehrenamtliche sprachen regelmäßig mit den Älteren. Der direkte Draht funktionierte nicht zuletzt über die Mundart, in der auch der Name der Aktion gehalten ist. Nach zwei Monaten endetet die Aktion. Anna Utters freut sich über den Erfolg: „Ich habe eine Menge Einladungen zum Kaffeetrinken bekommen – wenn erst einmal die Pandemie vorbei ist. Dann wollen wir uns beim Schwätzen auch ins Gesicht blicken.“

Auf dem Foto ist eine jüngere Frau zu sehen. Sie hält eine Tee-Tasse in der einen Hand. Mit der anderen Hand hält sie ein Telefon an ihr Ohr.
Foto: Bürger für Bürger e.V., Daun

Auf den Lockdown folgte die Flut

Die Verbandsgemeinde Daun hatte Glück im Juli 2021. Niemand wurde durch die Flutkatastrophe verletzt und auch Gebäudeschäden gab es vergleichsweise wenige. Betroffen ist sie dennoch – etwa durch die zerstörte Bahnlinie Trier-Köln, die wohl erst in Jahren wieder funktionstüchtig sein wird. Das massiv getroffene Ahrtal hingegen liegt nur ein paar Kilometer entfernt. Tim Becker schildert die damalige Situation: „In den ersten Tagen haben die Leute aus Daun und Umgebung direkt mitangepackt, sind mit Schaufeln losgezogen, haben Nothilfe geleistet. Auch die Spendenbereitschaft war riesig.“ Inzwischen sei es wichtig, zuzuhören und mitzubekommen, was die Leute jetzt tatsächlich brauchen: „Nötig ist jetzt Fingerspitzengefühl, um zu erfahren, wie man helfen kann. Nicht jeder spricht direkt aus, was gerade fehlt. Viele denken: Anderen geht es doch noch viel schlechter!“, so Becker.

Der Vorstand überlegte, wie man die Nachbarregion unkompliziert unterstützen könne. Die Hilfe sollte über persönliche Kontakte dorthin fließen, wo sie derzeit gebraucht wird. Die Wahl fiel auf den Ort Dernau, der zu 90 Prozent von der Flut zerstört wurde. „Unsere Idee war: Die Kinder und Jugendlichen sollen die Möglichkeit bekommen, in den Herbstferien eine kleine Auszeit zu nehmen. Unser Plan: Die Mädchen aus den betroffenen Gebieten können einen Tag lang einen Lettering-Kurs im Vulkaneifelkreis besuchen. Für die Jungen gibt es ein Drohnen-Projekt – bei schlechtem Wetter wird daraus ein Mokick- oder Bogenschießen-Training,“ so Angela Simon, die die Aktion für den Verein organisiert. Eine dritte Gruppe, aus der Grundschule in Dernau, fährt auf einen Ziegenhof. Sie stellt dort eigenen Käse her und besucht anschließend den Wild- und Erlebnispark in Daun. Eine Geldspende bekommt zudem ein lokales Traumazentrum, das Kinder- und Jugendliche aus der Region versorgt. Die Aktionen werden durch eine 5.000-Euro-Spende der Hamburger Körber-Stiftung ermöglicht. Über das bundesweite Programm „Engagierte Stadt“ kannte man sich und hatte das Vertrauen, dass das Geld beim Verein Bürger für Bürger die Spende in guten Händen sei.

Damit die verschiedenen logistischen Herausforderungen gelingen, packen der ganze Vereinsvorstand plus 60 Freiwillige mit an, die sich regelmäßig engagieren. Der Verein Bürger für Bürger macht ganz praktisch vor, wie man den Zusammenhalt im ländlichen Raum stärkt – mit sorgenden Strukturen genauso wie mit spontanen Hilfsaktionen.

www.buerger-daun.de

Der Artikel stammt aus dem E-Book „Zusammenhalt“. Geschrieben wurde er von Henrik Flor.

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