Partner finden und ins Netzwerk einbinden – Heroes

Der Berliner Verein Heroes thematisiert die Unterdrückung im Namen der Ehre. Nach dem erfolgreichen Projektstart in Berlin gibt es immer mehr Ableger in anderen Städten. Für die Wahl des richtigen Partners hat sich der Verein einiges einfallen lassen.

 

Mit trauriger Regelmäßigkeit werden Menschen auch in Deutschland Opfer von sogenannten Verbrechen im Namen der Ehre. In den meisten Fällen handelt es sich um Frauen, die bezichtigt werden, die „Ehre“ der Familie oder Gemeinschaft verletzt zu haben und denen zur Wiederherstellung der Ehre Gewalt angetan wird. Bislang gibt es weinig gelungene präventive Ansätze für das Problem. Heroes setzt genau an diesem Punkt an und richtet sich gezielt an junge Menschen aus sogenannten Ehrenkulturen.

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In einem ersten Schritt werden mit jungen Männern Trainingsmaßnahmen durchgeführt, die es ihnen ermöglichen, ihre Wertevorstellung mit Hinblick auf unterdrückerische und gewalttätige Verhaltensweisen im Namen der Ehre zu reflektieren und abzulegen. Der primäre Ansatzpunkt ist hierbei das kontrollierende Verhalten der Männer (das diesen jedoch oft auch selbst zur Last wird) gegenüber jungen Frauen. Thematisiert wird darüber hinaus ein breites Spektrum gesellschaftlicher Probleme in der Integration von Migranten. Dieses Training dauert pro Gruppe etwa ein Jahr und endet mit einer feierlichen öffentlichen Anerkennungsveranstaltung und Zertifizierung. Von Beginn an hat das Projekt eine große gesellschaftliche und mediale Resonanz hervorgerufen.

Entscheidend ist der peer-Ansatz: Junge Männer mit Einwanderungsgeschichte arbeiten dann im zweiten Schritt mit Jungen und Mädchen in unterschiedlichen Stadien ihres Migrationsprozesses. Das Thema ist Unterdrückung im Namen der Ehre und Gleichberechtigung (hier sind dann auch die Jugendlichen der Mehrheitsgesellschaft angesprochen). Diese Workshops werden von Schulen, Freizeiteinrichtungen und Ausbildungsprojekten nachgefragt und dort durchgeführt.

Genese der Verbreitung

Der Ansatz stammt ursprünglich aus Schweden und wurde im Kontext einer Fachtagung 2007 nach Deutschland gebracht und von der childhhood Stiftung als eigenständiges Projekt gefördert. An dem ersten Standort in Berlin erreichte das Projekt innerhalb kürzester Zeit eine sehr große Medienresonanz. Damit einher ging eine Vielzahl an Anfragen an den projektverantwortlichen Verein Strohhalm, dass Konzept auch in andere Städten zu bringen. Nach der Verleihung des prix courage in München steigerte sich die öffentliche Wahrnehmung noch einmal, und das bayerische Sozialministerium trat an die Organisation heran. In der Folge wurde eine Kooperation und Projektweitergabe an drei ausgewählten Standorten in Bayern vereinbart, mit der die Verbreitung von Heroes begann. Hierfür entwickelte man ein Modell zur Weitergabe, dass einerseits eine konkrete methodische Ausbildung der Gruppenleiter und Projektleiterin beinhaltet, andererseits aber genügend Freiraum für die Problemstellung vor Ort zulässt.

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Skalierungsstrategie

Die Verbreitungsstrategie folgt dem grundlegenden Modell einer Partnerschaft im Netzwerkverein, wobei dem ersten Projektstandort von Heroes in Berlin eine zentrale Rolle zukommt. Dabei gestaltet sich der Ablauf in der Verbreitung von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Kooperation einheitlich. Nach ersten Sondierungsgesprächen bei denen die Bedingungen und Voraussetzungen geprüft werden, besuchen Vertreter der interessierten Organisation zunächst das Heroes Projekt in Berlin. Besteht im Anschluss an diesen ersten praktischen Einblick von beiden Seiten weiterhin ein Interesse an einer Kooperation, wird ein Fachtag in der Region durchgeführt. In diesem Rahmen werden weitere Personen und Organisationen für eine Mitarbeit geworben und vernetzen sich für die Durchführung. Im Anschluss werden Finanzierungsfragen geregelt, wobei sich grundsätzlich die Standorte selbst finanzieren müssen, hierfür aber wichtige organisatorische Unterstützung von Berlin erhalten. Die durchgeführten Modelle variieren mitunter stark, da staatliche wie private Fördermittel mit unterschiedlichen Anforderungen in eine gemeinsame Finanzierung überführt werden müssen. Ist die erste Finanzierung gesichert, wird ein Projektteam zusammengestellt und Schulungen durchgeführt. In diesem Aspekt der Verbreitung tritt die Relevanz der Persönlichkeiten in dem Projektmodell von Heroes deutlich hervor. Denn in der Verbreitung müssen drei Prinzipien eingehalten werden. Ersten müssen die Gruppenleiter selbst einen Migrationshintergrund haben. Zweitens muss in der Projektleitung eine Frau involviert sein. Drittens müssen die Teilnehmer ein Migrationshintergrund haben und die Bekämpfung einer Unterdrückung im Namen der Ehre muss im Vordergrund des Projekts stehen. Die Prinzipien dienen dazu, den speziellen Fokus und einen kritischen Umgang mit dem Ehrbegriff zu erhalten.

An die Auswahl der Gruppenleiter für die Verbreitung werden dabei sehr hohe Ansprüche gestellt, da sie in dem Heroes-Konzept nicht nur projektverantwortlich sind, sondern auch eine Rolle als Vorbild einnehmen. Dies hängt mit der personalisierten Arbeitsmethode, die unter anderem durch Rollenspiele sich konfrontativ mit ihren gelebten Wertevorstellungen auseinandersetzen und für deren Durchführung die Projektverantwortlichen eine Präsenz als Ansprechpartner und Respektsperson benötigen. Daneben sind sie auch Botschafter des Projekts, halten Vorträge und stehen als öffentlicher Diskussionspartner zur Verfügung, um die gesamte Wirkungsregion für die Problematik zu sensibilisieren.

Nach Abschluss der Schulung wird ein Zertifikat an die Projektleiter vergeben, an die ebenfalls die Verwendung der Marke Heroes geknüpft ist. Darüber hinaus sind alle Gruppen Mitglied in dem übergreifenden HEROESfamily Netzwerkverein in dessen Rahmen bei Bedarf weitere Unterstützung geleistet wird. Diese Regelung zwischen persönlicher Verantwortung der Projektleiter und dem Netzwerkverein ermöglicht eine unbürokratische Zusammenarbeit. Um die alltägliche Durchführung des Projekts einheitlich und qualitativ hochwertig zu gestalten gibt es darüber hinaus ein Handbuch zur Qualitätssicherung sowie regelmäßige Visiten. Zusätzlich findet fortlaufend eine gesonderte wissenschaftliche Begleitung und Evaluierung des Projekts statt. Im Anfangsstadium gibt es bereits Interesse an einer internationale Verbreitung nach Österreich und weitere europaweite Anfragen, die die Brisanz und Interesse an dem Projekt dokumentieren.

Projekttreiber und Herausforderungen

Das Haupthindernis bei der Verbreitung bildet die langfristige Finanzierung des Projekts. Trotz der zahlreichen Prämierungen und der dokumentierten Wirksamkeit sehen viele potenzielle Förderer von einem Engagement ab, da sie die Thematik, besonders in Verknüpfung mit der kontroversen Integrationsdebatte als politisch zu heikel betrachten.

Dabei bietet Heroes eine wirkungsvolle Verbindung aus einem Train-the-Trainer-Ansatz und einem Programm zur Selbstbefähigung der Jugendlichen, sich selbstbewusst gegen Gewalttaten im Namen der Ehre zu positionieren, ohne dabei in eine diskriminierende Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Der Erfolg von Heroes zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass Gruppenleiter vermehrt auch für andere Projekte und Institutionen bis hin zur Polizeiausbildung angefragt werden.

Foto: Thinkstock

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