An der Infrastruktur kann es nicht liegen, oder doch?

Reden wir Tacheles. In Deutschland engagieren sich 23 Millionen Menschen. Das ist richtig viel. Diese Zahl findet sich in jedem Zeitungsartikel, der sich mit dem Thema Ehrenamt oder Bürgerengagement beschäftigt. Doch wie kommen diese 23 Millionen Menschen zu ihrem Engagement? Schauen wir uns ein paar Zahlen an.

 

Ein  Beitrag zur 26. Runde der  NPO-Blogparade zum Thema: Engagement attraktiver machen – aber wie?

In Deutschland gibt es eine unglaublich vielfältige Infrastruktur für Bürgerengagement. Die Zahl der Vereine, Genossenschaften und Stiftungen wächst. Mittlerweile gibt es siebenmal so viele wie vor fünfzig Jahren*.

Es gibt alleine 20.000 Stiftungen, über 300 Preise für die Anerkennung des freiwilligen Engagements. Unzählige Verleihungen von Ehrenamtscards in Rathäusern, eine Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen in Deutschland, ein Bundesnetzwerk für Bürgerschaftliches Engagement, einen Unterausschuss für Bürgerschaftliches Engagement im Bundestag, die Vermittlungsstellen der Wohlfahrtsverbände, 580.294 Vereine, 8502 Genossenschaften, 105.000 Unternehmen die gemeinnützigen Tätigkeiten verfolgen und dabei 2,3 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen haben**. Es gibt digitale Freiwilligendatenbanken von der Aktion Mensch bis hin zu Betterplace und es gibt Freiwilligenagenturen, die vor Ort Engagementangebote vermitteln.

Und ja, es gibt diese 23 Millionen Menschen, die Botschafter und Multiplikatoren für Bürgerengagement sein könnten.

Das sind erst einmal beeindruckende Zahlen und dennoch klagt die Branche. Man fragt sich jetzt, wie kann es sein, dass trotz dieser zivilgesellschaftlichen Power rund 80 Prozent der Vereine Probleme mit der Mitgliedergewinnung und 85 Prozent Probleme bei der Rekrutierung von Vorständen haben**?

Sind es die Strukturen innerhalb der Organisationen, die nicht durchlässig genug sind?

Ist es der Mangel an Zeit und Lust der Generation zwischen 25 und 45 oder die fehlende Flexibilität der Engagementangebote?

Oder artikulieren die Akteure die Bedarfe auf den falschen Kanälen und erreichen die „Engagementbereiten“ nicht?

Ich denke, es ist eine Mischung aus allen Punkten, glaube aber, dass die Präsenz des Themas in den Medien, analog und digital, eine viel größere Rolle spielen müsste, um Engagement attraktiver zu machen, mentale Hürden abzubauen und Einstiege zu erleichtern.

Gedankenspiel

Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit

Erlaubt mir ein Gedankenspiel: Würden all die oben aufgezählten Organisationen und Institutionen einen geringen Prozentsatz ihres Budgets für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising in einen gemeinsamen Topf werfen – welche Möglichkeiten würden sich auftun, das Thema in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen?

Ich glotz TV

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Bild:  Je-str, (CC BY-SA 3.0)

Oder: Würde es eine professionelle Redner-Agentur geben, die die spannendsten Akteure aus dem Engagement-Kosmos zu Jauch, Will, Plasberg & Co. schickt? Um damit nicht nur die Langeweile der immer gleichen Talkshow Gäste aufzubrechen, sondern um damit vor allem Praktiker zu Wort kommen zu lassen, die nicht nur an innovativen Lösungen drängender gesellschaftlicher Probleme arbeiten, sondern auch Begeisterung für ihr Tun ausstrahlen.

Sharing

Oder: Würde jeder Engagierte, der social media nutzt, nur 1 mal im Monat über sein Engagement berichten – zum Beispiel darüber, was es bewirkt und was er oder sie persönlich dabei mitnimmt… Das wären Millionen Empfehlungen und Fürsprecher für Engagement in Deutschland.

Es ist enorm viel Potenzial da, um Engagement in Deutschland attraktiver zu machen. Welche Voraussetzungen für dieses Gedankenspiel erfüllt sein müssten, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht ein Thema für eine der nächsten Blogparaden!

*http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/neuer-rekord-deutschland-hat-so-viele-vereine-wie-nie-zuvor-12288289.html

** siehe Zivilgesellschaft in Zahlen

Katarina Peranic

Katarina Peranic, ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Stiftung Bürgermut. Die zertifizierte Stiftungsmanagerin (DSA) studierte Politikwissenschaft und Osteuropastudien an der Philipps-Universität Marburg und am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Seit über zehn Jahren begleitet sie zahlreiche Projekte in der Zivilgesellschaft von der Idee bis zur Umsetzung. Dabei spielen der Aufbau und die Aktivierung von analogen und digitalen Communitys sowie der Wissens- und Projekttransfer von wirkungsvollen Projekten eine zentrale Rolle. Die von ihr geleiteten Stiftungsprogramme openTransfer und Weltbeweger stehen dafür. Twitter @staranov

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