Nähe und Distanz in Patenschaften

Erik Rahn, Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V., beim openTransfer CAMP #Patenschaften am 4. November 2017 in Leipzig

Nach einer kurzen Filmpräsentation, in der zwei Beispiele gelungener Patenschaften gezeigt wurden, drehte sich die anschließende Diskussion um die Frage, wieviel Nähe und Distanz in Patenschaften sinnvoll sind.

Zunächst teilten die rund 20 Teilnehmenden der Session ihre Erfahrungen und berichteten von aktuellen Problemfeldern. Einigkeit bestand darüber, dass es bei Geflüchteten herausfordernde Unterstützungsbedarfe gibt, die professionellen Hilfesystemen überlassen werden müssen. Patinnen und Paten können dann die Schnittstelle bilden, aber nicht selbst Problemlöser sein. Dafür sollten sie von den Patenschaftsorganisationen mit Kontaktinformationen zu denjenigen Stellen ausgestattet werden, die anspruchsvolle Anliegen bearbeiten können.

Wieviel Engagement kann und will ich leisten?
Das richtige Maß im Engagement zu finden, ist – gerade, wenn es wie bei Patenschaften um persönliche Beziehungen geht – besonders schwierig. Die Folge: ehrenamtliche Patinnen und Paten fühlen sich überfordert. Das fängt bei der scheinbar einfachen Frage an, ob die eigene Handynummer herausgegeben wird oder nicht. Die Empfehlung einer Teilnehmerin: Ohne eine selbstreflexive Begrenzungsstrategie geht es nicht. Für eine andere Teilnehmerin war klar, dass sie nicht mehr eine komplette Familie mit sehr vielfältigen Bedürfnissen betreuen will, sondern ihr Engagement über eine klar definierte Lernpatenschaft mit einer Schülerin neu ordnen will. Hierzu trifft sie sich ein Mal in der Woche für 2-3 Stunden in der Stadtbibliothek.

Ein Mann mit rotem Band um den Hals.

Umgang mit Behörden
Ein besonderes Problemfeld stellen der Umgang mit Behördenpost und Ämtergänge dar. Schließlich verstehen viele Patinnen und Paten die Verwaltungsvorgänge selbst kaum. Hier bräuchte es professionelle Hilfe sowie Ansprechpartnerinnen und -partner. Die Gruppe war sich einig, dass die begrenzten Zeitressourcen und manches Mal auch fehlendes Wissen zu dem unguten Gefühl, nicht helfen zu können, führen. Nicht wenige der Neuankommenden benötigen zudem professionelle Hilfe, z. B. In Form von psychosozialer Beratung. Erfahrungen mit dem empfohlenen Regelsystem fallen ernüchternd aus: Es gibt zu wenig Dolmetscherinnen und Dolmetscher, und die Wartezeit für einen Therapieplatz beträgt fast ein Jahr.

Frustration bei der Wohnungssuche
Etliche Patinnen und Paten, so der Tenor, sind „einfach am Ende“, wenn sich die Wohnungssuche als langwierig und aussichtslos darstellt. So fragte sich das Leipziger Projekt Kontaktstelle Wohnen, das Wohnungspatenschaften vermittelt, ob die ehrenamtliche Arbeit überhaupt noch Sinn macht, da es schließlich kaum Wohnungen für große Familien gibt. In solchen Fällen bleiben Erfolgserlebnisse aus und es staut sich auf allen Seiten viel Frust und Enttäuschung an.

Fazit: Hilfe für die Helfenden
Egal ob man sich haupt- oder ehrenamtlich für Geflüchtete engagiert: Es braucht einen Reflektionsort für die Helfenden. Methoden wie Supervision oder kollegiale Beratung können für einen solchen Ort wichtige Elemente sein. Ebenso haben sich regelmäßige Stammtische zum Austausch unter den Ehrenamtlichen bewährt. Ein Teilnehmer meinte, dass es auf die gesunde Balance von Distanz und Nähe ankommt. Eine professionelle Distanz wie etwa bei einer Coaching-Situation ist im Ehrenamt nun einmal schwer zu realisieren. Eine Teilnehmerin fügt hinzu: „Wenn irgendwo in Syrien Bomben gefallen sind, sind diese durch Social Media eine halbe Stunde später in meinem Wohnzimmer.“ So sind die Patinnen und Paten schnell mit den existenziellen Lebenssorgen der Geflüchteten konfrontiert. Distanz und Grenzen können nur schwer eingehalten werden. Wenn dann aus einer Patenschaft eine Freundschaft wird, sollte man das auch so benennen und die formelle Patenschaft auflösen. Zuletzt formulierte die Gruppe die Forderung, dass politische Lösungen gefunden werden müssen, damit grundlegende Aufgaben nicht mehr nur von Engagierten geleistet werden. Ein erster Schritt, um Druck aufzubauen, war der Streik ehrenamtlicher Dolmetscherinnen und Dolmetscher in Halle, nachdem diese Übersetzungen in Krankenhäusern übernehmen sollten, die eigentlich zum Leistungsspektrum der Versicherungen gehören.

http://www.seniorenbueros.org/

Foto: Thilo Schmülgen / opentransfer.de

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